Der Schatten der mich rief

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Schweißgebadet wachte Lucien in seinem Bett auf. Die Nacht war rau, er hatte sich im Schlaf oft wenden müssen und schlief erst einige Zeit später wieder ein. Trauer durchzog ihn wie ein kalter Schleier. Er wusste nicht warum, nur dass es so war. In jeder Minute, die er in dieser Nacht wach in seine nassen Laken lag, grübelte er. Doch seine Gedanken wollten sich einfach nicht sortieren. Mal dachte er über seine Arbeit nach, mal über alles was am Vortag passiert war und dann am Tag davor, in der Woche davor, im Monat und gesamten vergangenen Jahr. Verzweifelt suchte er nach der Ursache für seinen schlechten Schlaf in der Dunkelheit der Nacht. Erschöpft fielen seine Augen zu. Hätten seine Gedanken in diesem Moment betiteln werden sollen, so hätte selbst ich nicht gewusst wie. Sie waren so chaotisch, strotzend voller Wut und Angst. Als ich versuchte sie zu erahnen wurde mir kalt. Jeder Partikel meines Körpers schien zu gefrieren. Dennoch war es mir irgendwie bekannt. Dasselbige hatte ich vor einiger Zeit gespürt, als Lucien in diese neue Stadt zog und damit seinen neuen Job begann.

Lucien arbeitete in einem Startup namens Overflow, dass sich auf die holographische Darstellung verschiedener Medienformate spezialisiert hatte. Der Hauptgeschäftsbereich lag dabei im Marketing. Die Vision: Jede Marketingaktion sollte holographisch präsentiert werden können. Kein Wunder, dass der Großteil der Werbeagenturen Deutschlands, nach der erstmaligen öffentlichen Keynote, dem neuen Unternehmen die Türen einrannten. Es dauerte auch nicht lange bis sich die Big Five meldeten. Damit schaffte Overflowes, über Nacht zum Startup mit Höchstwertung. Das junge High-Tech-Team machte dem selbstgesetzten Namen alle Ehre und nun lässt sich fast keine Fußgängerzone mehr finden, die ohne die aus dem Schaufenster ragenden holographischen Topmodels oder Influencer auskommt. Lucien hatte Glück, dass er die Stelle noch vor dem großen Boom bekam. Jetzt würde sich jeder um diesen reißen und wohl sogar über Leichen gehen. Er war deshalb auch überglücklich, zumal er jetzt sogar auf einen Schlag eine satte Gehaltserhöhung bekam. Doch da war auch etwas anderes tief in seinem Inneren, ein Hauch von kalter Angst.

Über Nacht schoss mit dem raketenhaften Aufstieg seines Arbeitgebers auch seine firmeninterne Verantwortung in die Höhe. Als Leiter der Buchhaltung war es schließlich seine Aufgabe gewesen all das Geld zu verwalten, das ihn jetzt beinahe überschwemmte, wie ein gigantischer Taifun. Zuvor war er zwar schon einmal für lange Zeit Leiter der Buchhaltung in seinem früheren Unternehmen gewesen, doch bei weitem nicht in diesem Ausmaß. Aufgrund des Erfolgs verkündeten die Gründer, bereits einige Wochen nach dem Start, gleich den Schritt zur Börse. Diesen sollte Lucien mit einem Team aus internen Mitarbeitern und externen Beratern vorbereiten.

Luciens Stress stieg ins Unermessliche. Er hastete von einem Termin zum nächsten. Setzte sich an seinen Arbeitsplatz, tippte schnell einige wichtige Zeilen auf, die er sich unbedingt für die nächste Präsentation merken musste und rannte weiter zur nächsten Hürde. Zwischendurch gab es einen kleinen Snack. Wenn er nach Hause kam, war er wie eine leere Hülle. Manchmal warf er den Fernseher an, schaltete eine Staffel irgendeiner neuen Netflix-Serie ein und lies sich, in der Hoffnung wieder etwas Erfüllendes zu finden, berieseln bis er in den Schlaf fiel. Man kann sich vorstellen, dass die Nächte nicht besonders erholsam waren. Gefangen in diesem Teufelskreis träumte er immer wieder davon Partikel für Partikel auseinanderzufallen. Es machte mich traurig ihn so zu sehen. Normalerweise war er ein aufgeweckter Kerl, voller Tatendrang und sei es auch nur mit ein paar Freunden gemütlich in der nächsten Bar abzuhängen oder sich einem Raid seiner World of Warcraft Gilde anzuschließen. Ich mochte meinen kleinen Nerd, aber die Ereignisse zehrten an ihm und damit irgendwie auch an mir.

Noch immer war diese Kälte da. Lucien schaute auf die Uhr. 04:76, las er verwundert in Gedanken, komisch die muss wohl kaputt sein. Er raffte sich auf, rieb sich die Augen und strich sich durch die schwitzigen Haare. Mit seinen Füßen glitt er in die neben seinem Bett befindlichen Hausschuhe und schleppte sich in Richtung Bad. Langsam zog er seinen Pyjama aus und stieg in die Dusche. Das lauwarme Wasser tat gut, so wie es von oben auf ihn herabrieselte und seinen Körper schleichend erwärmte. Für eine Weile stand er einfach nur da und lies sich mit dem Leben übergießen. Dann stellte er das Wasser ab, seifte sich ein, schrubbte ein wenig und wusch sich das Gemisch aus Schmutz und Duschschaum wieder mit der belebenden Brause ab. Plötzlich dachte er wieder an die Arbeit, fehlende Papiere, die die Bank immer noch nicht geschickt hatte, vermutlich um die Kosten für ihren Berater zu strecken und an den Termin mit seinen Chefs, die er wieder hinhalten musste. In voller Hoffnung es dadurch zu vergessen, rieb er sich die Augen mit etwas mehr Druck. Du bist stark, du schaffst das, du bist stark du schaffst das, sprach er zu sich in Gedanken. Mit geschlossenen Augen drehte er den Wasserhahn ab und griff nach einem Handtuch. Seinen Körper abtrocknend öffnete er wieder seine Augen. Luciens Blick änderte sich schlagartig. Die Farben vor ihm fingen an zu verlaufen und schienen eins in einer dunklen Masse zu werden, die sich an der Wand entlang schlängelte. Von Angst durchströmt stand er starr inmitten des Bades und sah der, nun gänzlich von aller Farbe befreiten, schwarzen Masse dabei zu, wie sie sich auf der weißen Wand hin zum Waschbecken bewegte, den Abfluss hinunterkroch und verschwand. Mit ihrem Verschwinden erlosch auch plötzlich all die Angst die Lucien noch zuvor gefühlt hatte. Als wäre nichts gewesen, zog er sich an, band seine Krawatte und schob deren Knoten bis zum Anschlag an den weißen Kragen seines Hemdes.

Vor der Haustür wartete auch schon sein Fahrer auf ihn. „Guten Morgen Lucien!“, begrüßte er wie immer überschwänglich nett.

„Guten Morgen“, grummelte Lucien vor sich hin und stieg in den Wagen.

Es war ein düsterer Weg zur Arbeit an diesem Tag. Noch düsterer als sonst. Doch Luciens Gedanken waren tiefenrein und so klar fixiert, wie sie es in seinem ganzen Leben noch nicht waren.

„Halt hier kurz an“, schnellte es aus ihm heraus, als der Wagen die Bank fast passierte. Der Chauffeur hielt in der nächsten Seitengasse und Lucien stieg mit einigen Papieren bewaffnet aus.

 „Ich bin gleich wieder da.“

Lucien schritt die Treppen zur Bank hinauf und ging durch die Karusselltür. Diese Bank war der Inbegriff von Protz. Hohe Säulen führten den Blick zur kunstvoll bemalten Decke, die heute seltsamerweise mehr schwarz-weißer Stummfilm als buntes mit Gold verziertes Spektakel war. Mehrere Schreibtische aus teurem Mahagoni standen entlang des Flurs, an denen Bankiers ihre Kunden berieten, telefonierten oder zumindest geschäftig taten. Am Ende des großen Raumes verlief eine herrschaftliche Steintreppe zu den oberen Büros der Chefetage. Lucien lief genau auf diese zu.

„Monsieur Dumont, er ist gerade beschäftigt. Soll ich einen Termin für Sie ausmachen?“, rief eine Sekretärin zu Lucien als er gerade die Treppe hinaufstieg. Lucien drehte sich um.

„Nein. Er hat Zeit zu haben“, erwiderte Lucien mit dämonischem Unterton und pechschwarze Augen blitzten in seinem Gesicht auf. Angstschweiß triefte der Sekretärin von der Stirn. Sie setzte sich wieder still an ihren Tisch zurück, hob den Telefonhörer und kündigte neuen Besuch bei ihrem Vorgesetzten an. Auch ich erschrak bei diesem Anblick und mein Körper begann zu schmerzen, als wolle jemand meine Haut abreißen. Oben angekommen öffnete Lucien ohne anzuklopfen die Tür. Die sich in dem Raum befindlichen Kunden sahen Lucien verdutzt an.

„Monsieur Dumont! Da sind Sie ja“, begrüßte Herr Lammert seinen hineingeplatzten Gast. „Ich bitte darum mich kurz zu entschuldigen, Herr und Frau Müller. Wie eben angedeutet, habe ich leider eine kleine Terminüberlagerung in meinem Kalender übersehen. Könnten sie beide für fünf Minuten im Salon Platz nehmen. Ich lasse ihnen beiden, sofern es ihnen beliebt, Kaffee und Kuchen zukommen.“ Verständnisvoll verließen beide Lammerts Büro und eilten an Lucien vorbei.

Lucien schob die Papiere auf Lammerts Tisch. „Unterschreiben!“

„Aber, aber, ich habe Ihnen doch schon erklärt, dass ich das zum jetz…“

„Ich sagte Sie unterschreiben!“, fauchte Lucien. Seine Augen waren nun vollkommen in Schwärze getaucht. Das Blut gefror in den Adern seines Gegenübers. Lammert nahm mit zitternder Hand seinen Füllfederhalter, tauchte ihn in sein Tintenfass. Der Füller nahm so langsam die Tinte auf, dass man fast hätte glauben können, dass auch diese leicht gefroren war. Je länger er brauchte desto ungeduldiger wurde Lucien, was ihn auch gleich noch furchteinflößender machte. Und wieder spürte ich diesen unerträglichen Schmerz auf meinem Körper. Erst nachdem das Dokument unterzeichnet war, verging er wieder, doch nicht ganz. Lucien packte die Dokumente, sah Lammert mit einem herablassenden Grinsen an und verschwand aus dessen Büro.

Es waren nur noch einige Meter gewesen bis wir an seiner Arbeitsstelle angekommen waren. Noch immer war er da dieser Schmerz und er zog sich tiefer in mich wie ein Parasit. Die letzten hundert Meter lief Lucien durch die Fußgängerzone bis zum Büro. Überall schoss Reklame aus den Schaufenstern. Mit jedem Schritt widerte es Lucien mehr und mehr an. Manche versuchte er mit Worten zu verjagen und andere gar fortzuschlagen.

„Lucien hör auf!“, platzte es aus mir heraus. Doch er hörte nicht. Der Schmerz zehrte an meiner Energie, wie eine starke Verbrennung fraß er mich auf. Bis ich plötzlich stehen blieb. Lucien ging weiter. Ich sah, wie er tatsächlich ohne mich weiterging. Nochmal rief ich nach ihm. „Lucien!“

Er blieb still auf der Stelle. Ich rannte zu ihm. „Lucien hör auf damit. Was tust du nur?“, fragte ich ihn mit besorgter Stimme. Er muss gedacht haben, ich wäre wieder ein dummes Hologramm und schlug nach mir. Als er mich mitten ins Gesicht traf, fiel er synchron mit mir zu Boden und wurde ohnmächtig. Im Versuch ihn aufzuwecken zog es mich wie durch Magie in seinen Körper hinein. Zu der Zeit ein gruseliger Ort, wenn ihr mich fragt. Alles war so düster. Mit der mir verbliebenen Kraft versuchte ich ihm zu helfen. Ich bewegte Arme und Beine durch sah mich um und bemerkte die Blicke vorbeigehender Passanten, die uns komisch ansahen. Sein Körper war ziemlich schwer, doch ich schaffte es ihn aufzuraffen, klopfte mir den Staub vom Anzug und lief weiter zum Büro.

Ich wusste wie ich ihm helfen konnte. Auch wenn es ihm sicherlich nicht gefallen würde. Am Overflow-Gebäude angekommen, stieg ich schnurstracks in den Aufzug und fuhr hinauf zur Chefetage. Dort angekommen war alles schnell erledigt. Ich überreichte die endlich unterzeichneten Dokumente und zugleich ein weiteres. Nach einer Weile brachte mir eine Kollegin ein Kuvert, das ich einsteckte. Dann verließ ich das Gebäude wieder und schleppte Lucien zurück in sein Bett. Am nächsten Morgen wachte Lucien so gut wie nie zuvor auf. Irgendetwas war passiert, er wusste aber nicht was genau, doch es schien gut gewesen zu sein. Er sah verwundert auf seinen Beistelltisch, auf dem ein geöffneter Brief lag. „Vielen Dank Lucien, für alles! Wir bedauern deine Kündigung sehr. Auch wenn deine Zeit bei uns kurz war, so war dein Einfluss auf unser Unternehmen historisch. Wir hoffen dir sagt diese Abfindung zu…“ Abfindung?, dachte Lucien und zog den Scheck, der unter dem Brief hervorblitzte, heraus. Seine Augen strahlten voller Glück und es gefiel mir, was ich sah.  

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