"DIE WELT"

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Angefangen mit dieser Kurzgeschichte möchte ich in unregelmäßigen Abständen weitere hier veröffentlichen. Diese Geschichte ist dabei schon etwas älter. Ich habe sie bereits während meines Abiturs geschrieben, jedoch nur wenigen Augen präsentiert und nochmals leicht verändert. Feedback ist immer willkommen 🙂

1. Mai 2020, 22:30 Uhr, Frankfurt am Main

Der Wind weht nicht mehr, in keine Richtung. Rauch legt sich über die Straßen. Versperrt die Sicht nahezu vollkommen, wie eine Decke die eine Mutter ihrem Kind über das Gesicht legt, damit es nicht am beißenden Qualm erstickt und ihr weinendes Gesicht erblickt.

Häuser, welche sonst so erleuchtet waren, wie die Flammen der Sonne selbst und die Nacht zum Tage machten, erloschen.

Der Mond versucht mit aller Kraft die zertrümmerten Läden und die Straße zu beleuchten, doch er schafft es nicht.

Ein kräftiges Grollen ertönt.

Mehr Rauch.

Straßenlaternen zittern, bringen kein Licht, nur noch Fetzen aus Elektrizität. Spühend, wie Schlangen ihr Gift. Doch da ist etwas, ein rotes, ein gedimmtes…

Ein Knall, so wetternd, dass Ohren dröhnen und man die Augen schließt um ein Anderes, ein Besseres zu sehen.

Doch das Bild verschwimmt, gestoßen in die Realität verspürt man noch mehr Angst. Verzehrende Angst, vor der man fliehen will, aber nicht den Mut hat.

Ein Mann, der sonst einen Hut hat, trägt keinen mehr.

Zurückgelassen, wie seine Familie unter dem Meer von Menschen. Menschen, die nicht mehr so agieren, rangen mit ihrer Wut gegen ihres Gleichen. Ein Kannibalismus menschlichen Geistes durch den falschen Idealismus geschaffen und aufrechterhalten durch die, die nur nach dem obersten Ende des Fadens sehnen, an dem wir alle hängen.

Zusammen.

Aber nun getrennt.

Wir können sehen, doch sehen nicht.

Verstehen nur noch was uns eingeredet wird.

Keine eigenen Gedanken nur noch Kopien von Kopien von Kopien. Maschinen, bei welchen mittels sorgfältiger, organisierter, gar propagierter Methodik die Festplatte defragmentiert und ein minimales System installiert wurde.

Krach, Geschrei und Gebrüll.

Ein Gewehr donnert, Schüsse folgen.

Noch mehr rotes,…

Gepolter.

Ich erschrecke und stelle fest, dass ich nicht mehr viel Zeit bekommen werde, als die, die ich jetzt schon nicht hatte. Zeit, die mir übrig blieb um dies hier aufzuschreiben. Eine Idee, eine Idee, die das verändern könnte was bald folgt. Das Gepolter wird lauter. Klirren stimmt mit ein und ich versuche noch einige Worte so schnell niederzuschreiben, wie ich es noch nie tat. Das Atmen fällt mir immer schwerer durch all das Gas und den Rauch, der von umliegenden Gebäuden hierher kriecht und sich wie eine Schlange windet. Alleine die rennenden, sich bekämpfenden Massen bringen echte Bewegung in die Stadt.

Alles andere, abgeschaltet.

Abgestürzt.

Das System, wie wir es kannten wird es nicht mehr geben.

Bald ist es soweit, nur noch ein paar Zeilen.

„Aufteilen“, ruft eine dunkle Stimme.

„Scheiße…“, rutscht es mir zu laut heraus.

Ich spähe durch das zerbrochene Fenster und versuche durch die graue Suppe etwas zu erkennen. Meine Augen fangen an zu tränen, die Gase brennen sich in meine Schleimhäute und verdunkeln meine Sicht noch mehr.

Schritte.

Ich packe hastig meine Sachen in den Rucksack und suche meinen Weg nach unten. Durch den Hinterausgang. Anders geht es nicht.

Mit dem falschen Schritt könnte ich ihnen meine Position verraten.

Wem, fragst du dich?

Es spielt keine Rolle.

Die Farbe der Flagge ist irrelevant, wenn es um das Extreme, Radikale geht,

Ein freier Gedanke ist hier tödlich.

Freiheit kennt keine Farbe, sie ist universell, leuchtend, wie das gottgleiche Licht eines Engels der seine Flügel ausbreitet.

Sollen sie sich doch gegenseitig zerfetzen, wie wilde Raubtiere. Prädatoren die ihre Kontrolle verloren.

Dennoch bin ich kein Egoist, denke nicht schlecht von mir.

Ich bete, bete so oft ich kann um Erleuchtung, derjenigen, die in das dunkle gefallen sind, ohne es zu wollen. Die nicht vor dem fliehen können, oder eher, es nicht sollen.

Denn SOLLEN wird jetzt groß geschrieben.

Voluntas ist nicht mehr willkommen.

In Ketten gelegt durch das Totalitäre und wie Prometheus von Ethon verzehrt.

Ich renne die Treppen des Hauses immer schneller hinunter. Ein leises Winseln dringt aus einer Tür, die einen Spalt offen steht. Ein Fuß ragt heraus, der wohl von einer Frau z usein scheint. Ich öffne die Tür. Die kleine Jahaan sitzt zitternd und wimmernd neben ihrer kalten Mutter. Ihre Tränen laufen wie sanfte Bächlein über ihr Gesicht. Ihre Augen so glühend rot durch das Reizgas.

Meine Blicke streifen hastig durch den Raum. Jahaans Mutter wurde hart an der Schläfe von einem Stein erwischt, auf dem einige Parolen zu erkennen waren. Details sind unwichtig. Ich gehe zu ihr und versuche sie zu trösten.

„Jahaan, wir müssen hier raus.“

„Aber Ma-Mama…“, winselt sie.

Um es ihr jetzt zu erklären ist keine Zeit, Wer auch immer, war schon in den Häusern und sie werden auch hierher kommen.

Ich nehme eine Decke von der Couch und packe sie um das kleine Mädchen, damit sie nicht friert und ich ihr Gesicht verdecken kann, falls wir durch das Gas müssen. Als ich sie hochhebe kracht es plötzlich gewaltig hinter uns.

Eine Tür. Meine Blicke werden wieder schneller und ich haste durch die Gänge. Am Hinterausgang angelangt wird es abrupt stiller. Zu still. Ich öffne langsam die Pforte zum Hof.

„Halt!“, ruft eine sehr bedrohliche Stimme und aus selber Richtung ertönen Stifelschritte, die immer schneller werden. Mich packt die Angst und ich renne und renne so schnell ich noch irgendwie kann.

Ein Schuss.

Mein Bein brennt vor Schmerz, aber sind nicht meine Muskeln sondern etwas anderes. Jahaan sieht erschrocken an mir hinunter, „Dein Bein, es blutet!“

Wir können jetzt nicht einfach stehen bleiben oder noch eine Deckung suchen. Sie würden uns finden und es zu Ende bringen.

Das Andrenalin schießt durch meinen Körper und mindert, vom Schock assistiert, den Schmerz. Nach einiger Zeit geben sie die Verfolgung auf. An einer Tankstelle angelangt suche ich nach einem Verbandkasten um die Wunde zu versorgen.

Vergebens, alles leergeräumt.

Einige Stunden später sind wir fast aus der Stadt. Ein Wunder, dass ich es überhaupt hierher geaschafft habe. Meine Beine werden immer träger, mein Gesicht bleich, wie der Nebel um uns herum. Ich spüre nicht einmal mehr das Brennen der Wunde.

Der letzte Radiofunkspruch verlautete, dass genau hier Hilfe auf uns wartete.

Meine Beine verstummen. Zusammensackend versuche ich auf dem Rücken zu landen um Jahaan nicht zu verletzen. Sie erschrickt. Nur noch verschwommen sehe ich ihre Silhoutte über mir und deute mit meiner Hand auf den Rucksack, aus dem mein letztes Manuskript ragt. Jahaan nimmt es in ihre kleinen Hände und liest:

„ATLANTIS“

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