Sakura – Eine Geistergeschichte

  • von
Sakura

Isamus Augenlieder wurden mit jeder weiteren Flasche schwerer. Sein Blick immer trüber, sodass er auf der Tanzfläche nur noch zu taumeln begann. Als das Lied zu dem er eben noch tanzen wollte verstummte, flüchtete er sich wieder an die Bar. Mit einem Ruck, warf er seine Arme auf den Tresen und klopfte auf das Holz. Der Barkeeper drehte sich zu ihm um.

„Hey Kumpel, willst du nicht mal lieber nach Hause gehen?“, fragte er Isamu und blickte ihn mitfühlend an. „Du hast jetzt genug. Soll ich dir ein Taxi rufen?“

„Pff, nein geht schon“, widersprach er ihm gefolgt von einem Hicksen.

Isamu raffte sich mit seiner verbliebenen Kraft auf und bewegte seinen vom Alkohol übernommenen Körper zum Ausgang. Er wohnte nicht weit weg von hier, gerade einmal vier Kilometer waren es von der Innenstadt bis zu dem Haus seiner Eltern. Schon allein aus diesem Grund wäre es unnötig gewesen ein Taxi zu rufen. Zudem wäre es auch nicht gerade umweltbewusst.

Isamus Eltern hatten sich in seinen Kinderjahren dieses Haus am Stadtrand gekauft. Es lag direkt neben einem kleinen durchwachsenen Wald indem, so hieß es zumindest von ein paar älteren Einwohnern des Viertels, friedliche Geister lebten. In mitten des Geisterwaldes gab es sogar, neben einem alten Brunnen, einen kleinen Schrein. Isamu konnte sich noch gut daran erinnern wie er sich einmal hier im Wald verirrte und diese besondere Stelle fand. Zuvor hatte er noch nie davon gehört und auch seine Nachbarn hatten ihm nichts darüber erzählen können. Daher entschied er, es auch nicht mehr groß weiterzuerzählen und deklarierte es als sein Geheimversteck. In all den vergangenen Jahren kam nie jemand freiwillig hierher. Nur einmal hatte er seine Mutter dazu eingeladen sich ihm anzuschließen und am Schrein zu beten. Es war ein trauriger Anlass der ihn dazu bewegte, denn kurz zuvor war sein treuster Spielgefährte Teshi bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Teshi kam in die Familie als Isamu gerade seinen zwölften Geburtstag feierte. Sein Vater brachte ihn aus dem örtlichen Tierheim mit. Es war Liebe auf den ersten Blick. Isamu liebte es über sein Fell zu streichen, das zuerst ruppig hart und doch im Kern weich wurde. Kaum konnten die beiden getrennt werden. Häufig folgte der Akita ihm sogar bis zur Schule, verabschiedete sich von seinem Freund und lief schnurstracks wieder nach Hause um knochenkauend auf Isamu zu warten.

Wie ein Schlag traf es Isamu, als er eines Tages nach Hause kam und ein Polizeibeamter mit gezogener Mütze vor der Tür seines Elternhauses stand. Ein Nachbar hatte etwas über seinen Durst getrunken, verlor kurzzeitig das Bewusstsein und erwischte den jungen Hund, der wie fast jeden Tag Isamu gerade zur Schule begleitet hatte. Salzige Tränen flossen an diesem Schicksalstag unentwegt aus seinen nun roten Augen, ohne Halt, bis er in der späten Nacht einschlief.

Die darauffolgenden Wochen waren schwer. Die Zeit zog sich wie ein alter Kaugummi und Isamu begann im kleinen Wäldchen damit zu beten. Er bat die Geister des Waldes darum, seinen Hund wieder zurückzubringen oder ihn wenigstens gut im Jenseits zu behandeln. Sie sollten auch bitte immer daran denken sein Fell gut durchzubürsten. Manchmal, zu seinem Abendgebet, dachte er ein bellen tief im Wald zu hören, doch es verstummte immer wieder, wenn er genauer hinhörte. Mit den weiteren Monaten und Jahren wurde Isamu erwachsener. Irgendwann ließ er es sein, immer wieder am Schrein zu beten. Seine Heiterkeit verstummte mit steigender Verantwortung, die ihm sein Arbeitgeber bei der städtischen Bank aufbürdete. Wie an diesem Abend trank er deshalb. Er hoffte dadurch dem Stress zu entkommen und das Loch in seinem Herzen zu füllen, dass die Jahre in ihn geschaufelt hatten.

Die Nacht war kalt und sein Atem bildete dichte Wolken vor seinem Gesicht, die den Nebel dabei unterstützen ihm die Sicht nahezu vollständig zu rauben. Einzig an den zahlreichen Beleuchtungen der Straße und den bunt glühenden Beschriftungen der Ladenschilder, konnte er sich seiner Position vergewissern. Als er sich immer mehr dem kleinen Waldstück näherte, durch das eine Abkürzung zum Haus seiner Eltern führte, raschelten die Blätter unter seinen Füßen und Äste knacksten. Im Wald angekommen, war der Nebel weniger stark und der Mondschein brach durch die Baumkronen auf sein Gesicht und erleuchtete seinen weiteren Weg. Es war eine gute Entscheidung nicht mit dem Taxi zu fahren, dachte Isamu, der langsam aber stetig die Macht über seinen Körper erlangte. Auch sein trüber Blick schwand, dank des einfallenden Mondlichtes, das ihm einen kleinen Energieschub verpasste. Er kramte in seiner rechten Hosentasche, zückte sein Handy hervor und sah auf die Zeitangabe des gesperrten Geräts. So langsam war es Mitternacht geworden, Geisterstunde. Ein kühler Wind wehte und stellte seine Nackenhaare auf. Das war jetzt etwas zu viel, musste er sich in Gedanken eingestehen. Er griff in seine Jackentasche und umklammerte das Pfefferspray, das ihm seine Mutter gegeben hatte. Irgendwo sollte wieder einmal ein Verbrecher sein Unwesen treiben, so hieß es in den Nachrichten. Auch wenn er wusste das es natürlich nichts gegen Geister bringen würde, behielt er es in seiner Hand.

Es konnte eigentlich nicht mehr lange dauern bis er zuhause war. Oder hatte er sich verlaufen? Das letzte Mal, dass er diesen Weg benutzte lag weit in der Vergangenheit und ihm kam nichts mehr wirklich bekannt vor. Plötzlich raschelte es hinter ihm. Die Büsche bewegten sich und das Rascheln wurde zunehmend lauter. Bald wurde es unterstützt von Getrampel. „Verdammte Wildschweine!“, fuhr es aus Isamu. Mit seinem Pfefferspray bewaffnet rannte er los. Mit hastigen Blicken versuchte er ein erhöhtes Versteck zu finden, doch er sah weit und breit nichts, das ihm hoch genug erschien. Mit einem heftigen Schlag gegen seine Beine fiel er abrupt zu Boden. Ein Eber hatte sich geschickt von der Seite angeschlichen. Seine Glieder schmerzten und er blickte, suchend nach seinem Gegner, wild um sich. Und dann stand er da, grunzend und mit den Hufen auf dem Boden schabend. Seine Hauer waren schwarz wie die Nacht und Isamu glaubte leuchtend rote Augen zu sehen. Er hoffte jedoch, dass es nur das Licht war, das sie so fürchterlich erleuchten ließ.

Isamu richtete sich vorsichtig auf und dann traute er seinen Augen wirklich nicht mehr. Ein zweiter Eber trat mit den gleichen rot leuchtenden Augen aus den Schatten vor ihm hervor. Das Pfefferspray umklammerte er jetzt noch fester und legte seinen Daumen auf den Auslöser. „Ich warne euch! Das ist für keinen von uns gut, geht lieber wieder weg!“ Mit kurzen furchteinflößenden Schritten kamen sie weiter auf ihn zu, während er die Distanz zu vergrößern versuchte. Das vordere Schwein quiekte, stampfte auf und rannte, gefolgt von seinem Begleiter, auf Isamu zu, der sich bereit machte und seine Waffe auf sie richtete.

Als das erste Wildschwein von seinem Abwehrspray getroffen wurde und sich angewidert schüttelte, glaubte Isamu ein vertrautes Heulen zu hören. Knurrend warf sich eine weiße Gestalt gegen den zweiten Eber. Beide verschwanden im dunklen Gebüsch. Ein unnatürlich lautes Quieken drang durch den Wald und ein stark verwundeter Eber floh aus dem Gebüsch in die Dunkelheit. Die Augen des Wildschweins vor Isamu leuchteten jetzt noch stärker auf. Er schnaufte kräftig und aus seinen Nasenlöchern drang ein schwarzer Nebel, der sich wie eine Aura um ihn legte. Von Angst durchdrungen sprühte Isamu wieder, doch diesmal schüttelte sich der dämonische Eber kurz und schabte dann wieder mit einem seiner Hufe auf dem Boden. Als er gerade zum Angriff rannte sprang das weiß leuchtende Wesen wieder aus dem Hinterhalt auf den bulligen Gegner. Es biss ihm kräftig in den Nacken und der schwarze Nebel der noch gerade aus der Nase des aggressiven Tieres kam, trat nun dort in Schwaden aus. Wieder ertönte ein alles erfüllendes Quieken, das jetzt allerdings so nah war, dass sich Isamu die Ohren zuhalten musste. Sein Trommelfell spielte verrückt und er sankt zu Boden.

„Hey lass das Teshi!“ Eine schlabbrige Zunge leckte über Isamus Gesicht. Teshi? Seine Augen öffneten sich langsam und er erblickte die leuchtende Gestalt wieder, die ihm zuvor das Leben gerettet hatte. Als er genauer hinsah, konnte er es nicht glauben. Da saß er vor ihm. Teshi hatte ihm geholfen. Mit Tränen in den Augen umarmte er seinen Freund, fühlte sein ruppiges Fell und grub die Hände tiefer in die flauschige Unterwolle, während Teshi über sein Gesicht und seine Ohren schlabberte. Als er sich umsah, entdeckte Isamu, dass er bereits wieder zuhause im Garten war. Angelehnt an den Kirschbaum, den beide früher immer beim Fangenspielen umrundeten. Isamu gab Teshi einen Kuss auf die Stirn. „Danke mein lieber, danke für alles!“

Mit den aufkommenden Sonnenstrahlen des angebrochenen Tages verschwand die Silhouette seines Hundes wieder und verschmolz mit dem Nebel, der sich allmählich in den Wald zurückzog. Als er nach oben sah, bemerkte er, dass der Baum wieder in voller Blütenpracht erstrahlte. Einzelne Kirchblüten sanken tanzend auf Isamus Schultern herab.

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